The proposal…mein Standpunkt
Zunächst möchte ich mich für die Länge dieses Artikels entschuldigen. Ein einfaches „ich bin dagegen“ entspricht aber nicht meinem Naturell. Ich möchte an dieser Stelle ein paar Dinge voranstellen, damit man meine ablehnende Haltung der ggf. anstehenden Veränderung nachvollziehen kann. Ich bin auch nicht grundsätzlich gegen Änderungen…sofern das Ziel erkennbar und gut begründet ist.
Ich habe in 09/1980 angefangen zu tanzen und habe mich kurz danach mit der Callerei befasst. Ich bin mit dem jetzigen Mainstream Programm groß geworden. Über die 45 Jahre gab es kleinere Veränderungen aber wenig Spektakuläres. Ein Plus Level gab es nicht, es gab Plus 1 und Plus 2 und für die Hartgesottenen gab es auch schon Advanced.
Als ich mit dem Callen angefangen habe, wurde ich dafür gelobt, dass mein Programm abwechslungsreich, unerwartet und dennoch gut tanzbar wäre. Am Anfang beschränkte sich dies teilweise darauf, dass ich bei den Singing Calls nicht 4-mal die gleiche Figurenfolge verwendet habe. Es hatte mich auf jeden Fall angespornt, mich weiter entwickeln zu wollen, um den Tänzern ein anspruchsvolles und schönes Tanzerlebnis anbieten zu können. Im Zuge dessen habe ich erkannt, welches Potenzial in dem Mainstream Programm steckt und wie gut dieses aufgestellt war und ist. Ich war nahezu von dem Anspruch beseelt, meine Mainstream Tänzer möglichst lange von dem Wunsch, das nächste Level anzustreben, abzuhalten. Dieses Potenzial ist mit Sicherheit auch dafür verantwortlich, dass ich auch nach nahezu 45 Jahren weiterhin sehr gerne Mainstream calle und immer wieder neue Dinge entdecke.
Die Tatsache, dass ich mit dem Square Dance angefangen habe, ist meiner damaligen Freundin geschuldet. Nur durch sie habe ich erfahren, dass es Square Dance gibt. Nicht nur dadurch war mir klar, dass Square Dance nicht etwas für jedermann ist. Ich hatte darüber mal ein Gespräch mit Heiner Fischle geführt (manche mögen es als Streitgespräch bezeichnen, wir hatten aber letztendlich einen Konsens). Heiner vertrat die Auffassung, dass Square Dance durchaus etwas für jedermann ist, aber nicht für jedermann zur gleichen Zeit. Damit konnte ich mich recht gut identifizieren. Vielleicht auch, weil ich meine Auffassung als nahezu bestätigt gesehen habe. Im Europäischen Raum gab und gibt es kaum Caller, die von dieser Tätigkeit leben konnten/können. Betreibt man das Callen als ernsthaftes Hobby neben einer hauptberuflichen Tätigkeit, wird man schnell feststellen, dass man kaum die Zeit hat, so vielen unterschiedlichen Bedürfnissen nachzukommen. Hierzu müsste man mehrmals täglich die Zeit haben, unterschiedliche Schwierigkeitsgrade in den Programmen anbieten zu können. Man bräuchte die Zeit, sich unterschiedlichen Altersstufen zu widmen. Schließlich bräuchte man die Zeit, alle diese Tänzer zusammenbringen zu können.
Wie viele von uns bin ich mit dem Grundgedanken aufgewachsen, dass man irgendwo Square Dance erlernen kann und es dann weltweit tanzen kann. Bei jedem Vortanztermin war dies wie ein Werbeslogan. Einige von uns kritisieren die Begriffe Level und/oder Programme. Für mich waren und sind standardisierte Programme weiterhin die Basis für ein weitestgehend gemeinsam ausübbares Hobby.
Ich habe mit 15 angefangen zu tanzen und ich fand es damals toll, dass die Generationen zusammen getanzt haben. Ich mochte nie das Separieren, dass ich bereits damals in erster Linie aus den USA mitbekam (Singles Clubs, Couples‘ Clubs, Youth Clubs, Gay Clubs etc.). Das Gemeinsame hielt sich nach meinem Empfinden relativ lange Zeit in den 1980’er Jahren. Dies ging über die Jahre bis heute leider immer weiter verloren. Dies ist auch dem run auf die höheren Level geschuldet und der Tatsache, dass man diesem Bedürfnis auch auf Großveranstaltungen nachkommen wollte und will. Wir würden es uns aber zu leicht machen, die Ursache dafür auf einen Punkt reduzieren zu können.
Wenn ich in einem mit dem Konzept des proposal übereinstimme, dann in dem Punkt, dass zwischen dem entry-Programm und dem nächsten Level (Plus) eine zu geringe Hürde besteht. Allerdings habe ich das bisher nicht so gesehen. Die Argumentation von Ted Lizotte (s.a. Video aus der CALLERLAB Convention 2024) ist mir jedoch zu sehr auf die Anzahl der Figuren beschränkt. Es wurde als eine Schieflage bezeichnet, dass man für Mainstream ein Paket von knapp 70 Figuren angeboten bekommt, für Plus jedoch nur knapp 30. Nach seiner Vorstellung müsste jedes Folgelevel möglichst mehr Figuren beinhalten als das darunterliegende. Ich habe dies nie so gesehen. Für mich hat das Mainstream Programm mehrere Funktionen. Es stellt unser entry level dar. Es ist und bleibt für mich das fun level schlechthin, das aber die Möglichkeit bietet, einen Tanz auch sehr abwechslungsreich und anspruchsvoll gestalten zu können. Der Ausbildungsgrad der Mainstream Tänzer ist aber sehr inhomogen. Bei meinen Plus Classes habe ich auf jede Plus Figur, die ich neu gelehrt habe, zwei Figuren aus dem Mainstream Programm vertieft wiederholt. Das macht bei mir 90 Figuren. Ein nicht zwingend auf alle von uns übertragbarer Ansatz, aber durchaus ein denkbarer.
Darüber hinaus, von welchem entry-Level sprechen wir hier? Wir haben Basic Part I, Basic Part II, Mainstream und dies sind aufeinander aufbauende Programme. Ted sprach von einem Programmchaos, dass jedoch primär in den USA produziert wurde. Es gab mal ein sog. Community Dance Programm, dass nach meiner Einschätzung völlig untergegangen ist. Das SSD hat meines Wissens zumindest in Europa nie Fuß gefasst hat. Selbst in den USA – und auch dort wird es nicht flächendeckend praktiziert – gibt es offensichtlich in vielen Regionen Anschlussprogramme, die darauf ausgerichtet sind, die Tänzer auf das „übliche“ Level heranzuführen, was auch immer dies regional ist. Diese Programme haben dazu geführt, dass ein Programmchaos entstanden ist, denn erst hier fanden Überlappungen der Figuren aus den Programmen Basic Part I und II und dem Mainstream statt. Die Ursache ist in meinen Augen in erster Linie bei uns Callern zu suchen. In den 1970’er Jahren hatte man es begrüßt, dass es nunmehr einheitliche Level gab, denn ein gemeinschaftliches Tanzen war bis zu diesem Zeitpunkt kaum möglich. Nahezu jeder Caller hatte seine eigene Vorstellung, welche Figuren in einen Tanz hineingehören.
Es mag durchaus sein, dass nicht jeder von uns mit allen Figuren in den Programmen zufrieden ist. Ist dies jedoch eine Berechtigung, sich nicht daran zu halten? Ich bin auch nicht über alle Figuren glücklich, calle sie aber dennoch, da ich es als meine Verpflichtung ansehe, „meine“ Tänzer so auszubilden, dass sie auch in der Lage sind, bei den Nachbarclubs tanzen zu können.
Ich war mehr als 20 Jahre aktives Callerlab-Mitglied und habe mich hauptsächlich in dem Mainstream und dem Plus Committee engagiert. Wann auch immer die triannual reviews anstanden, gingen diese meist so aus, dass sich nur kleine oder gar keine Veränderungen ergeben haben. Die Mitgliedschaft von Callerlab hatte auch beschlossen, dass die Veränderung moderat ausfallen sollten. Dies war eine Entscheidung, die Anfang der 2000er Jahre beschlossen wurde, nachdem ein ähnlicher Versuch, die Programme umzuwälzen, kläglich gescheitert war (Stichwort: target 2000). Für mich war dies eine gute und richtige Entscheidung, denn die existierenden Programme sind nach meiner bescheidenen Meinung sehr gute Programme. Sie bieten so viel Potenzial, dass man Tänzer über Jahre unterhalten kann, ohne dass jemand das Bedürfnis verspüren muss, das nächste Level lernen zu wollen. Aber, wir Caller müssen dafür arbeiten, damit der Wunsch zumindest nicht noch durch uns geweckt wird, das nächste Level erlernen zu wollen. Ich sehe weiterhin das Hauptproblem bei uns Callern, nicht in den Programmen, nicht in den Tänzern. Während der Zeit meiner Callerlab Mitgliedschaft wurde gerade das Entfernen von Figuren meist damit begründet, dass diese Figuren in deren Region nicht gemacht würden. Keiner der Vorschläge fand in den letzten Jahrzehnten so viel Akzeptanz, dass sie eine Mehrheit erfahren haben, weil nahezu jeder einen anderen Vorschlag hatte. Wenn nun im Rahmen des proposal die Figuren neu zusammengewürfelt werden, wer wird hier eine Garantie dafür abgeben, dass dies den Geschmack aller Beteiligten trifft? Was soll sich an der bisherigen Einstellung ändern „ich calle die Figur nicht, weil sie mir nicht gefällt“ oder „ich calle lieber eine Figur aus einem anderen Level, weil die mir besser gefällt“?
Es kamen immer wieder Vorschläge auf, alle Figuren, für die es einen Ersatz ohne Benutzen der Hände gibt, aus den Programmen zu entfernen. Zum Beispiel dive thru vs pass to the center, star thru vs slide thru, california twirl vs partner trade. Ein Tanz ist nicht nur Bewegung, sondern auch Bewegung mit- und zueinander. Dies hat auch etwas mit Körperkontakten zu tun. Derartige Vorschläge können nur von Kollegen kommen, die sich nicht darüber im Klaren sind, wie wichtig Handkontakte insbesondere für Students sind. Sollen diese Figuren deshalb verschwinden, weil wir mittlerweile ein so altes Publikum haben, dass keiner mehr die Arme heben kann? Ist das tatsächlich unsere Zielgruppe, auf die wir uns einstellen sollten? Es geht nur um den Spaß? Ja, Spaß sollen die Tänzer natürlich haben, aber jeder Tänzer steht in der Verpflichtung, seinen Anteil zum Gelingen des Tanzes beizutragen. Die Messlatte ist bei uns eigentlich nicht übermäßig hoch, doch die sollte weiterhin existent bleiben. Square Dance war schon immer ein sehr schönes aber auch ein sehr spezielles Hobby.
Im Rahmen der Diskussion über den proposal wurden immer wieder die zurückgehenden Teilnehmerzahlen bei Großveranstaltungen seit den 1950´er Jahren angesprochen. Als ich 1980 mit dem Square Dance angefangen habe, hatten wir bereits das Problem, dass man nicht mehr zwingend das Haus verlassen musste, um sich unterhalten zu lassen. Videos und Computerspiele machten es insbesondere der Jugend sehr leicht, keinen Grund für eine Aktivität außerhalb der Wohnung suchen zu müssen. Die Generationen, die in den 1960’er, 1970’er und vielleicht auch noch den 1980’er Jahren für Besucherrekorde bei Square Dance Veranstaltungen gesorgt hatten, kannten dies nicht bzw. waren dadurch geprägt, für Unterhaltung auch mal das Haus verlassen zu wollen. Es mag sich verschärft haben (Stichwort Streaming-Dienste etc).
Ebenfalls mussten wir uns der Tatsache gegenübersehen, dass man nach 10 Abenden Tanzschule bereits seinen ersten Ball besuchen konnte. Der Vergleich mit einer Generation, die diese Versuchungen nicht oder nicht in diesem Umfang hatte, muss ins Leere führen. Sinkende Teilnehmerzahlen hat viel mit der Überalterung im Square Dance zu tun. Viele sterben einfach oder werden zu alt, um zu reisen. Das, was wir uns alle vorzuwerfen haben, ist die Tatsache, dass wir es nicht geschafft haben, die Jugend für dieses Hobby zu begeistern. Das sieht weltweit unterschiedlich aus und ich bin froh in einer Gegend callen zu dürfen, in der wir uns weiterhin über Nachwuchs freuen können, aber auch in Deutschland steigt der Altersdurchschnitt. Dieses Problem werden wir jedoch nie mit einer Umwälzung der Programme erreichen. Zumindest sehe ich dies nicht.
Basic hat sich in Europa als Hauptlevel bzw. entry level nicht etabliert. Es gab immer mal wieder Versuche, Basic-Vereine zu pflegen, allerdings handelte es sich regelmäßig um Gruppen, die dann nahezu ausschließlich unter sich getanzt haben. Schweden war in den 80´er Jahren auf dem besten Weg, eine Akzeptanz für das Level Basic zu schaffen, allerdings wurde in Schweden großflächig keine Möglichkeit geboten, in einem Basic Verein zu verweilen. Es wurde nur die Möglichkeit geboten, Basic erneut zu lernen oder das nächste Level zu erlenen. Dänemark ist leider diesem Beispiel gefolgt. Dennoch haben die Level Basic I und II eine Bedeutung für uns. Sie dienen in erster Linie als Maßstab für Student Dances (meist Anfang eines Jahres) bzw. dem Student Jamboree, wenn auch ggf. in abgespeckter Form. Sie dienen unter Umständen auch dazu, Tänzer auf den jeweiligen Leveln graduieren zu können. Sie dienen vielleicht aber auch dazu, Tänzer sagen zu müssen, dass die Square Dance Reise für sie zumindest eine Unterbrechung erfahren muss. Auch wenn diese Level sich nicht als Hauptlevel etablieren konnten, werden sie hier aktiv verwendet, sie machen also für uns Sinn.
Das, was ich an dem proposal und vor allen Dingen an CALLERLAB kritisiere, ist, dass ich hierin keinen vernünftigen Plan erkennen kann und ich der Meinung bin, dass sich CALLERLAB als Internationale Callerassociation nicht hinreichend seiner Verantwortung gegenüber Bereichen außerhalb den USA stellt. Ich halte es für reinen Aktionismus, der uns zumindest in Europa keinen Mehrwert geben wird.
Ich vermisse ebenfalls Transparenz. Man kann sich trefflich darüber streiten, dass und ob das Privileg informiert zu werden und mitentscheiden zu dürfen, an einer aktiven CALLERLAB Mitgliedschaft gekoppelt sein muss. Regeln müssen sein. Wir reden jedoch über massive Veränderungen in unserer Square Dance Landschaft und hierbei möchte ich nicht komplett im Dunkeln gelassen werden. Mit Ausnahme der folgenden Informationen habe ich bisher nichts von CALLERLAB gehört. „Zwischenstände“ werden allenfalls inoffiziell verbreitet. Wenn dies passiert, werden diejenigen, die dies gewagt haben, einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt. Als Arbeitnehmer erlebe ich so etwas leider allzu häufig und werde dann vor vollendete Tatsachen gestellt. Damit werden Proteste im Keim erstickt, produktiv ist dies äußerst selten und es behindert die operative Ebene enorm.
Ich will an dieser Stelle kurz zusammenfassen, was ich vom proposal bisher mitgenommen habe:
- Es soll ein kleineres entry level erschaffen werden, das max. 50 Figuren umfassen soll.
- Das nächsthöhere Level soll mindestens 50 Figuren umfassen.
- Die Zusammensetzung der beiden ersten Level wird durch ein CALLERLAB Committee bestimmt. Weder die CALLERLAB Mitgliedschaft noch der Rest der Welt wird involviert sein.
Es wurden durchaus auch Ziele formuliert, die mit diesen Änderungen einhergehen sollen:
- Es soll ein entry level geschaffen werden, das das Angebot von 3-4 Classes pro Jahr ermöglicht, damit mehr Menschen zu Square Dancern ausgebildet werden können.
- Das nächsthöhere Level soll abschreckender wirken, indem es auf mindestens 50 Figuren aufgestockt wird. Das soll den Rush in dieses Level reduzieren.
Zu 1: In Europa wird dies nach meiner Einschätzung kaum zusätzliche Tänzer in unser Hobby bringen. Die meisten Classes beginnen bei uns um den September herum. Ich habe auch von mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen gehört, Classes ab Anfang des Jahres anzubieten. Das habe ich in meiner Kariere einmal versucht, und zwar mit Tänzern, die ich durchaus als meine Zielgruppe für eine Class sehen würde. Die Tänzer hatten alle ein Alter von 50 und jünger. Die Folge war, dass ich für die Class eine fast 3,5monatige Pause über den Sommer wegen der Sommerferien bzw. den unterschiedlichen Urlaubswünschen einrichten musste. Ich verlor mehr als die Hälfte der Classmitglieder. Das mag nicht repräsentativ sein, entspricht jedoch meiner Erfahrung. Wir klagen jedoch in vielen Bereichen unseres Kontinents ohnehin über wenig Teilnehmerzahlen in den Classes. Woher sollen die Interessenten für weitere Classes kommen? Egal, welche 50 Figuren in das neue entry level Einzug halten werden, wenn man diese gewissenhaft lehrt, dann wird man ggf. 3 Monate früher mit dieser Class fertig werden. Ich hätte mich gefreut, wenn ich nur 50 Figuren innerhalb der ca. 10 Monate hätte lehren müssen. Diese Lehrzeit auf 3 bis ggf. 6 Monate zu reduzieren, halte ich für unverantwortlich. Quantität statt Qualität? Ich tu mich sehr schwer damit. Man hört immer wieder (für mich ein unbestätigtes Gerücht, das aber auch wahr sein kann), dass geplant ist, das neue Level ausschließlich aus Standardpositionen anbieten zu wollen. Wie anders soll dies auch gehen, wenn man 50 Figuren innerhalb von 3-4 Monaten beibringen möchte. Ich bin recht fest davon überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit weiterhin versuchen wird, diese Figuren außerhalb des Standards verwenden zu wollen. Selbst wenn man hierauf verzichtet, habe ich zumindest die Hoffnung, dass die Lehrzeit deshalb nicht auf 3-4 Monate reduziert wird. Als Mittel zum Anwerben neuer Tänzer kann es daher nicht wirken. Meine langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass den Tänzern, die es erfolgreich durch die Anfängerkurse geschafft haben, es recht egal war, wie lange es dann noch gedauert hat.
Zu2: Die Gründe für den Rush ins nächsthöhere Level (in den meisten Teilen Europas zurzeit Plus) hat vielschichtige Gründe. Die Anzahl der Figuren spielt nach meiner Einschätzung jedoch eine sehr geringe Rolle, auch wenn ich das Aufpumpen des Plus Level tatsächlich begrüßen würde. Es liegt regelmäßig an uns Callern, dass wir nicht in der Lage sind, das volle Potenzial hinter dem Mainstream zu erkennen, mit diesem Programm zu arbeiten und unsere Tänzer damit zu unterhalten. Darüber hinaus obliegt es unserer Verantwortung, wenn wir Tänzer in unseren Plus Classes zulassen, die absolut nicht bereit für den nächsten Schritt sind. Das sind aber bei weitem nicht die einzigen Gründe. Multi-Level-Clubabende, die den „nur“ Mainstream Tänzern zeigen, wie schön Plus Tanzen sein kann. Multi-Level-Tänze insgesamt nehmen den „nur“ Mainstream Tänzern Tanzzeit weg. Oft auch, ohne dass sich dies beim Eintrittspreis/Clubbeitrag bemerkbar macht. Auch Vorstände, die nicht selten aufgrund ihrer langjährigen Tanzleidenschaft ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt sehen wollen oder der Meinung sind, man bräuchte die Plus oder Advanced Tänzer, um den Tanz attraktiv zu machen, tragen u.U. eine Mitschuld. Es gibt sicher noch mehr Gründe, aber ich persönlich habe noch nie gehört, dass sich Tänzer für eine Plus Class entschieden haben, weil das Plus Level so wenig Figuren umfasst. Gleichwohl wirkt die Anzahl der Figuren im Plus nicht abschreckend, wobei es fraglich ist, ob dies so gewollt ist.
Ich kann daher keinen einzigen Grund sehen, warum eine neue Zusammensetzung inkl. weniger Figuren uns mehr Tänzer bescheren sollte. Einen Vorteil sehe ich durchaus darin, mehrmals im Jahr eine Class anzubieten. Dies könnte Tänzer schneller abfangen, die nächste Class nochmals zu beginnen, ohne vielleicht ein halbes oder gar 1,5 Jahre warten zu müssen. Aber wer von uns hat die Zeit, mehrere Zyklen im Jahr anzubieten? Laufen Eure Classes parallel zum Clubabend oder an separaten Tagen? Wie sähe die durchaus erwünschte Unterstützung durch Angels aus? Diejenigen unter uns, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind und einem solchen Konzept folgen könnten: Glaubt Ihr, Ihr könnt selber die Jugend damit in den Square Dance bringen?
Es gibt Kollegen, die sagen, Tänzer würden es nicht merken, wenn sie „nur noch“ eine reduzierte Anzahl von Figuren angeboten bekämen. Dies mag auf einige Tänzer zutreffen, auf andere aber nicht. Ich halte es für extrem wichtig, ja sogar unabdingbar, meine Mainstream-Vereine darüber in Kenntnis zu setzen, zu informieren und sie vor die Wahl zu stellen, was in ca. einem Jahr auf sie zukommen wird. „Meine“ Tänzer haben das Recht zu wissen, was ich ihnen ab 09/2026 anbieten kann oder/und möchte. Verzichten sie auf ca. 20 Figuren oder entscheiden sie sich ggf., 30 neue Figuren dazuzulernen? Je nach dem, für was die Tänzer sich entscheiden, ist die Gefahr nicht viel zu groß, dass wir auf diesem Weg viel mehr Tänzer verlieren als neu hinzugewinnen? Wenn ein Grund für den run in das nächste Level darin besteht, dass wir Caller nicht in der Lage sind, die Tänzer mit dem potenzialbehafteten Mainstream Programm unterhalten zu können, wie soll das dann mit weniger Figuren funktionieren? Wird dies nicht zusätzlich dazu führen, dass unsere Tänzer in das nächsthöhere Level abdriften möchten?
Solange wir Caller – unabhängig von unseren eigenen Präferenzen – an uns arbeiten, uns dazu zwingen, unsere Produkte ohne Ausnahme auch zu verkaufen, sollte es uns gelingen, unsere Tänzer über Jahrzehnte so unterhalten zu können, ohne dass kaum ein Tänzer das Bedürfnis haben müsste, in das nächste Level abzuwandern. Genau dies ist der Punkt, der mich an den proposal nicht glauben lässt. Warum ist es so schwer, das Potenzial in den Basic und Mainstream Programmen zu erkennen? Aussagen wie „die Figur gefällt mir nicht, die mache ich nicht“ oder „die Figur aus dem Plus ist toll, die muss ich meinen MS-Tänzern beibringen“, haben vielerorts dazu geführt, dass man als Basic, selbst als Mainstream Tänzer Schwierigkeiten haben wird, sein Level weltweit tanzen zu können. Es hat sich regional (hauptsächlich in den USA) teilweise ein soft Plus „etabliert“, bei dem man sich aber langsam vortasten muss, welche Plus Figur in welcher Region zu diesem soft Plus gehört und welche nicht. Wie kommt man jetzt auf die Idee, dass die überwiegende Mehrheit, die für ein solches Vorhaben erforderlich sein muss, sich entsprechend anpassen und verändern wird?
Dies sind meine bescheidenen Gedanken zu diesem Thema. Ohne den unbedingten Anpassungswillen eines jeden (!) Callers werden derartig drastische Veränderungen nicht funktionieren und hieran habe ich meine nicht ganz unbegründeten Zweifel. Will man Parallelwelten schaffen, so soll dies so sein. Ich fand dies bei T-2000 schlecht und heute sieht es nicht anders aus. Die Vereinheitlichung der Programme in den 70’ern hat dazu geführt, dass man Square Dance irgendwo lernen kann und überall auf der Welt tanzen kann. Ich musste meinen Tänzern leider schon recht früh mitteilen, dass sie zumindest Plus tanzen können sollten, um möglichst unabhängig außerhalb Europas tanzen zu können. Auf uns hat sich dies insoweit erweitert, dass Plus bei vielen Specials mittlerweile ein zeitlich nicht unwesentlicher Bestandteil der Programme ist. M.E. muss hieran gearbeitet werden. Wir müssen uns zwingen, die Programme zu pflegen, auch wenn wir die eine oder andere Figur nicht mögen. Wir müssen diese so verpacken, dass das Angebot gerne angenommen wird.
Meiner Meinung nach liegt die Zukunft nicht darin, die Programme umzuwälzen. Wir müssen zwingend daran arbeiten, die „Jugend“ für den Square Dance zu interessieren. Ich möchte mich nicht auf ein bestimmtes Alter festlegen, wenn ich von der Jugend spreche. Vielmehr ist es wichtig, Menschen für Square Dance zu interessieren, die langfristig dabeibleiben wollen und können und/oder dafür Sorge tragen, dass deren Nachwuchs im Square Dance Fuß fassen kann. Dafür gibt es leider kein Pauschalrezept. Ich liebe es eigentlich, Videos von Square Dance Veranstaltungen in den sozialen Medien zu sehen. Wenn ich aber manche davon sehe, denke ich mehr an Altensport. Insbesondere, wenn ich Videos aus den USA sehe. Versteht mich nicht falsch, auch ich habe ein Alter erreicht, dass ich nicht mehr unbedingt als meine primäre Zielgruppe für einen Square Dance Anfängerkurs sehen möchte. Ist man in dieses Hobby reingealtert, wird man sich wahrscheinlich mit vielen Dingen arrangieren können. Fängt man erst im hohen Alter damit an, dann ist die Chance recht gering, dass die Szene daran wirklich zugewinnt. Natürlich gibt es hierbei Ausnahmen. Ich habe selbst in meinen Gruppen Tänzer, die kurz vor den 80 stehen, aber diese schaffen es weiterhin, 126 Schritte pro Minute auf den Tanzboden zu bekommen. Als werbewirksam empfinde ich diese Videos sehr häufig nicht und ich werde in meinem überschaubaren Bekanntenkreis, der nicht zu den Square Dancern gehört, darin bestätigt. Ich fand es damals toll, dass die Generationen zusammen getanzt haben, der Altersdurchschnitt lag aber damals bei 30 – 40. Ich weiß nicht, ob ich dies beim jetzigen Altersdurchschnitt weiterhin so empfinden würde. Das Alter ist selbst nicht das Problem, eine Überalterung ist für kaum einen Bereich gesund.
Die Jugend für den Square Dance zu begeistern beschränkt sich jedoch nicht auf die Tänzer, die ja zunächst von Square Dance keine Ahnung haben. Hier haben wir nur recht wenig Einfluss. Wir müssen es unbedingt schaffen, für entsprechenden Caller Nachwuchs zu sorgen bzw. jüngere Tänzer für diese Aufgabe zu begeistern. Das sind die Leute, die wiederum anderen jüngeren Leuten zeigen können, wie schön dieses Hobby sein kann und wie schön es sein kann, mit anderen Generationen zusammen zu tanzen. In meiner Anfangszeit habe ich wenig Unterstützung von Kollegen erfahren, man sah mich mehr als Konkurrenz. Diese Haltung müssen wir unbedingt aufgeben, sofern sie tatsächlich noch existiert. Ich sehe mich persönlich nicht als Ausbilder für Caller. Ich gebe aber mein Wissen gerne weiter und das hilft bereits, einen Start in die richtige Richtung zu unterstützen.
Wir haben in unserer Satzung verankert, dass wir als ECTA den CALLERLAB Entscheidungen folgen. Der proposal hat für mich keinerlei Mehrwert, ich sehe jedoch, wie zerstörerisch er auf die Bestandswelt des Square Dances wirken kann. Mir persönlich könnte es vielleicht egal sein, aber ich werde die Clubabende und Specials vermissen, die ich dann nicht mehr mitgestalten werde.
Ich hoffe, wir sehen uns wieder!
Stefan Förster
Ich will hier wirklich keine Hetze betreiben, das Abstimmungsergebnis bei Callerlab muss m.E. jedoch auch mal ins rechte Licht gesetzt werden. Ich sage nicht, dass hier etwas herumgemauschelt wurde, aber es gibt wohl gerade einmal ca. 370 stimmberechtigte Mitglieder bei Callerlab. Wenn ich das richtig verstanden habe waren 167 davon bei der Callerlab Convention dieses Jahr, 153 davon haben den Proposal befürwortet. Ich kenne die aktuellen Regularien bei Callerlab nicht und weiß nicht, ob die sich anschließende Briefwahl einer 2/3 Mehrheit bedurfte oder ob mindestens 2/3 der stimmberechtigten Mitglieder sich an der Briefwahl beteiligen müssen, damit sie das Votum beeinflussen könnte. Ich habe auch nichts mehr über das Ergebnis gehört, aber es stimmt mich äußerst bedenklich, dass 153 Caller über ein derart wichtiges Thema eine weltweite Entscheidung getroffen haben, gleichwohl dies nach demokratischen Gesichtspunkten zunächst nicht zu beanstanden ist. Wir Europäer…vielleicht auch die anderen, nicht US-Länder…waren bisher diejenigen, die sich weitestgehend stringent an die Vorgaben Callerlabs gehalten haben, in den Staaten sieht das extrem inhomogen aus. Es ist nicht mein Zitat, aber ich kann mich damit sehr anfreunden: hierbei handelt es sich um eine amerikanische „Lösung“ für ein amerikanisches Problem. Selbst hier stellt sich jedoch die berechtigte Frage, ob dies eine Lösung sein kann.
Lt. Press Release auf der Callerlab-Seite ging es am Ende 336 zu 112. Genau 3/4 zu 1/4.
Ist trotzdem eine überwältigende Mehrheit.
Ich halte die Entscheidung von Callerlab für falsch, hätte mir die Ablehnung gewünscht.
Aber die Frage ist jetzt, was machen wir mit dem Ergebnis.
Das ECTA Squaredance Council scheint mit Volldampf auf die neue Programmstruktur abzufahren (siehe Artikel im Bulletin) und daher werden sich die meisten Caller wohl damit anfreunden (müssen).
Alternativen wie die Abspaltung einiger Caller von der ECTA/Callerlab würde unserem Hobby eher schaden als nutzen.
Schauen wir in die Glaskugel:
Aktuell werden wir vermutlich bei den Tänzern 2 Reaktionen auslösen. Zum einen werden viele ins Plus gehen, um ihre Figuren zu ‚retten‘. Ein Rush to Plus , den man eigentlich auf Dauer mit dieser Änderung vermeiden will.
Zum Anderen, gerade, wenn wir per Stichtag hart umsteigen, werden wir Tänzer vergraulen, die beleidigt SquareDance den Rücken zu wenden und gehen. Oder Sie wechseln zu Clubs, die sich widersetzen noch länger das ‚alte Programm‘ tanzen.
Ich hoffe, das sich ein weicher Übergang durchsetzen wird, um diese Tänzer mitzunehmen.
Einige Clubs werden vielleicht ins Plus wechseln, einige werden das alte Programm weitertanzen.
Ich hoffe, das sich ein weicher Übergang durchsetzen wird, um diese Tänzer mitzunehmen.
Wir werden im Oktober auf dem 3.Oktober 2026 wohl kein MS50 anbieten, weil dann weniger Leute kämen. Bis zum Frühjahr/Sommer 27, wenn die ersten MS50er Classes graduiert werden, wird es auf Veranstaltungen vermutlich noch MS70 geben. Bei den Clubabenden wird es ähnlich aussehen. Ich hoffe, dass man sich hier regional auf ein gemeinsames Vorgehen einigt, um den gegenseitigen Austausch und Besuch zu ermöglichen.
Auf Dauer (nach 3-5 Jahren) wird sich das Ganze beruhigt haben, nach und nach werden
die Alt-Clubs auf eins der neuen Programme nach unten oder oben gewechselt sein.
Es werden vielleicht mehr Students die Class durchhalten (Abbrecherquote geht runter).
So dass soll es mit der Glaskugel gewesen sein.
In einem anderen Blogbeitrag auf dieser Seite (https://squarebreakers.de/neues-oder-altes-mainstream-warum-das-auch-die-clubs-angeht/) habe ich dargelegt, wieso sich gerade Clubs und Boards damit beschäftigen und darüber austauschen sollten.